Buchempfehlung: Das Mädchen, das sie irre nannten

„Das Mädchen, das sie irre nannten“ ist ein Roman, der mich tief berührt hat. Schon das Titelbild sprach mich sofort an, es ist schlicht und einprägsam gestaltet, fasst zudem das Buch richtig gut zusammen. Alleine dafür schon einmal ein Kompliment an die Autorin.

Antje Melanie Rieche führt uns hier ins Polen der 1950er/60er Jahre. Basierend auf einer wahren Geschichte berichtet sie von Hanna und deren Weg in ein selbstbestimmtes Leben. Der erste Teil des Buches schildert Hannas Kindheit in einem Haushalt, bei dem es mir öfter kalt über den Rücken lief. Schauplatz ist ein schlesisches Dorf und eine Familie, in dem der Vater grausame Kontrolle über seine Kinder und seine Frau ausübt. Der äußere Schein ist für ihn wichtig – wie wir später erfahren: lebenswichtig – und muß um jeden Preis aufrechterhalten werden, ganz gleich, wer darunter leiden muß. In kurzen Kapiteln erfahren wir anekdotisch Erlebnisse, die aus Hannas Sicht geschildert werden. Vieles ist für sie nicht begreiflich, für uns zu Beginn auch nicht, wir sehen die Welt durch ihre oft so verängstigten Augen und die Unterdrückung, die Unehrlichkeit und eben die Angst, die sie erlebt, sind förmlich greifbar. Die alltäglichste Situation kann blitzschnell zur Bedrohung werden, überhaupt ist diese Bedrohung ständig fühlbar. Die Autorin schildert Hannas Geschichte in einem gut lesbaren, angenehmen Stil. Viele Formulierungen sind bildhaft und ansprechend, manchmal geradezu poetisch. Ab und an rutscht eine Formulierung oder eine Wortwahl dazwischen, die mich stutzen ließ, aber generell fand ich den Schreibstil erfreulich. Weiterlesen „Buchempfehlung: Das Mädchen, das sie irre nannten“

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Buchempfehlung: Wandlungen einer Ehe

Ich bin immer ganz glücklich, wenn ich Autoren finde, die geschichtliche Epochen so lebhaft darstellen können, daß man beim Lesen alles richtig vor sich sieht. Manche stopfen ihre Bücher mit historischen Details voll und es stellt sich kein einziges Bild beim Lesen ein. Manche weben hier und da ein wenig ein, könnten durch prägnante Formulierungen Bilder malen. Sándor Márai ist solch ein Autor, der für mich Welten auferstehen läßt. In seinem wundervollen „Die Glut“ war es die k.u.k.-Zeit in Ungarn und Österreich. In „Wandlungen einer Ehe“ konzentriert er sich auf die 20er und 30er Jahre des 20. Jahrhunderts und bietet uns im letzten Teil des Buches (1948 verfaßt) einen beklemmend nahen Einblick in Budapest während der letzten Tages des Krieges und nach Kriegsende.

Wie der Titel schon sagt, geht es im Buch im die Wandlungen einer Ehe, aber letztlich geht es um so viel mehr, wie der Klappentext schon verrät: „Zugleich ist es ein Abgesang auf die großbürgerliche mitteleuropäische Welt“. Hier übrigens auch mal ein Lob an Piper, denn nach langer Zeit kann ich mich hier über einen Klappentext freuen, der nicht irreführend ist und dem Buch gerecht wird.  Wie schon in „Die Glut“ erweckt Sándor Márai auch hier wieder eine versunkene Welt zum Leben – das Großbürgertum, die Villen und Kaffeehäuser von Budapest, die Frage, was eigentlich Bürgerlichkeit, Stil, Kultur ausmacht. Weiterlesen „Buchempfehlung: Wandlungen einer Ehe“

Buchempfehlung: Deutschland – Erinnerungen einer Nation

Momentan lese ich mich durch die dreibändige deutsche Geschichte 1800 – 1918 von Thomas Nipperdey. Das Werk ist ausgesprochen informativ, erklärt viele Zusammenhänge und wird noch einen eigenen Blogeintrag erhalten. Bei über 2.000 Seiten kann man sich vorstellen, daß man die Bücher nicht mal eben so weglesen kann.

Wer sich die deutsche Geschichte etwas leichter und flotter erlesen möchte, sollte zu „Deutschland  – Erinnerungen einer Nation“ („Germany – Memories of a Nation“) greifen.

Dieses Buch zu lesen war ein wahres Vergnügen! Anhang von Objekten aus der deutschen Vergangenheit macht man eine Reise in verschiedene historische Epochen Deutschlands und erliest sich so auf sehr unterhaltsame Art die deutsche Geschichte. Das Buch geht nicht chronologisch vor, jedes Kapitel behandelt in sich abgeschlossen einen Aspekt oder eine Person der Geschichte und berichtet von dort ausgehend über den jeweiligen historischen und gesellschaftlichen Kontext. Weiterlesen „Buchempfehlung: Deutschland – Erinnerungen einer Nation“

Der 9. November in der Geschichte

Nun sind auch die beiden neuen Lovelybooks-Leserunden zu den Büchern der Schönau-Saga zu Ende. Es war erneut ein herrliches Erlebnis. Ich habe meine Erfahrungen aus meinen letzten Leserunden genutzt und diesmal die Bewerber sehr akribisch ausgewählt. Gut, auch hier gab es leider eine Teilnehmerin, die nach dem ersten Posting in der Versenkung verschwand, aber dafür gab es Teilnehmerinnen, die sich unglaublich toll eingebracht haben. Sehr überrascht war ich, als mehrere gleich zustimmten, nach der „Bürgerin aller Zeiten“-Runde gleich eine Runde mit Eigenexemplaren zu „Des Lebens labyrinthisch irrer Lauf“ anzuschließen. Es ist schon außergewöhnlich, dies mit Eigenexemplaren zu machen und war für mich ein anrührendes Zeichen dafür, daß ich engagierte Leser habe. Die Kommentare waren in beiden Runden fundiert und sehr hilfreich für mich, die Diskussion hat wieder Spaß gemacht (und nun werden schon die Darsteller für die Verfilmung in der Runde überlegt – das nenne ich Hingabe! 😉 ).

Eines der Themen war natürlich auch, daß der 9. November nicht nur als geschichtliche Komponente eine Rolle spielte, sondern auch der Geburtstag der Hauptperson Lotte war, was die zahlreichen Ereignisse an diesem Tag verknüpfte und für die 1989 spielende Rahmenhandlung eine große Rolle spielte. Die Häufung von geschichtlichen Ereignissen an dem Tag ist vielleicht nicht jedem auf Anhieb bewußt, oder bekannt, deshalb hier ein Überblick über fünf geschichtlich bedeutende Ereignisse am 9. November. Weiterlesen „Der 9. November in der Geschichte“

Psychische Krankheit in den USA des 19. Jahrhunderts

In heutiger Zeit an einer psychischen Krankheit zu leiden, ist schrecklich genug. Vor ungefähr einhundertfünfzig Jahren musste es entsetzlich gewesen sein – es gab keine wirksame Behandlung, kein Verständnis für die Krankheit, viele falsche Annahmen.

Mitte des 19. Jahrhunderts befand sich die Psychiatrie noch in den Kinderschuhen und war mit dem heutigen Beruf nicht vergleichbar. Ärzte versuchten, psychische Krankheiten zu verstehen, wussten aber einfach nicht genug darüber. Es wurde angenommen, dass sie erblich seien, auch durch emotionale Ausnahmesituationen oder die Umgebung verursacht wurden, aber ebenso durch Unmoral oder Übermut – im Grunde alles, was nicht innerhalb der strengen moralischen Normen der Zeit lag. Einige Ärzte erkannten auch die Verbindung zwischen Gehirn und psychischer Krankheit und nannten sie eine „Gehirnkrankheit“, obwohl sie nicht wussten, was sie verursachte. Weiterlesen „Psychische Krankheit in den USA des 19. Jahrhunderts“

Schreiberfahrungen: Gastbeitrag der Autorin Lucy Blohm

Als Lucy Blohm Anfang des Jahres bei Lovelybooks eine Leserunde zu ihrem neuen Roman „Anna und der Goethe“ eröffnete, war ich sofort Feuer und Flamme. Ein Buch, in dem Goethe in die heutige Zeit reist, welch ein Traum! Ich war ein wenig neidisch auf die Protagonistin Anna, die eines Morgens Goethe (Goethe!!) in ihrer Küche vorfindet. Natürlich wollte ich wissen, wie diese Idee umgesetzt worden war. Die Leseprobe versprach einen flotten Stil und guten Humor. Der gute Eindruck wurde bestätigt, wie man auch hier meiner Rezension entnehmen kann.

Abgesehen davon, daß das Buch eine Freude war, entpuppte sich auch der Austausch mit der Autorin Lucy Blohm als Vergnügen. Das ist einer der vielen Vorteile von Lovelybooks – ich habe dort einige ganz tolle Autoren kennengelernt! Lucy Blohm hat ein weiteres Buch geschrieben, die Novelle „Mit gebrochenen Flügeln“, einer der Finalisten des Kindle Storyteller Awards 2018. Bei einer so guten Autorin, der die Balance zwischen Humor und Ernstem hervorragend gelingt, fand ich die Hintergründe der Buchideen interessant und fragte Lucy, ob sie ein wenig darüber für diesen Blog schreiben würde. Sie sagte sofort zu und hier haben wir nun Lucy Blohms eigene Zeilen, die einen tollen Einblick in das Schreiben, das Autorenleben bieten. Weiterlesen „Schreiberfahrungen: Gastbeitrag der Autorin Lucy Blohm“

Ein Blick auf die DDR und eine Buchempfehlung: Lydia. Vergebung.

Ich bin öfter gefragt worden, warum die Geschichte der Schönaus 1957 aufhört, warum ich das Leben einer der Hauptcharaktere in der DDR nicht beschrieben habe. Ich habe damals sehr kurz daran gedacht, nur einen Moment lang, und wußte sofort, daß ich diesem Thema keine Gerechtigkeit widerfahren lassen, es nicht annähernd beschreiben kann. Dazu bin ich einerseits zu spät geboren und zudem nicht in der DDR. Das habe ich auch in meiner gerade stattfindenden Leserunde genau so erklärt und geschrieben, daß ich der Meinung bin, daß kein Westdeutscher über das Leben in der DDR schreiben kann. Dem haben die Leserundenteilnehmer zugestimmt und konnten teilweise aus eigener Erfahrung berichten, daß man als Westdeutscher auch nach zwanzig Jahren des Lebens in der ehemaligen DDR nie annähernd begreifen kann, wie das Leben in der DDR war, wie es nachwirkt. Weiterlesen „Ein Blick auf die DDR und eine Buchempfehlung: Lydia. Vergebung.“